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Weltanschauungsfreiheit im Unterricht – Im Gespräch mit Heinz Grill

Mit dem Gedanken der Bildung ist unweigerlich der Begriff der Weltanschauung verbunden. Zugleich zeigt es sich jedoch heute in eigentlich allen Unterrichtssituationen sehr deutlich, dass für eine gelungene, erfolgreiche Bildung gerade die Freiheit von jeglicher Weltanschauung eine notwendige Bedingung zu sein scheint, wie sich dies insbesondere in ihrem „eigenen Fach“, der Religion, oder in Bereichen, wo sogenannte esoterische Inhalte im Hintergrund stehen können, zeigt. In welchem Sinn ist dieser prima facie paradoxe Sachverhalt von Notwendigkeit und Freiheit bezüglich Weltanschauungen zu verstehen und was bedeutet das für den Umgang miteinander?

 

Für eine Konkretisierung der Frage erscheint im ersten Schritt ein Blick auf den Weltanschauungsbegriff und seine Geschichte aufschlussreich.


 

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  Der Begriff der Weltanschauung

 

Früher hatte jeder noch eine Weltanschauung. Im 19. Jahrhundert war der Begriff Weltanschauung, ausgehend von den Romantikern wie z.B. Schelling und Novalis noch durchaus positiv geprägt. Mit seiner Verwendung setzen sie dem als zu dominant empfundenen Rationalismus in der Folge der Aufklärung eine integrativere, wieder mehr auf die Ganzheit des menschlich-subjektiven Empfindens und die eigene Erfahrung ausgerichtete Position entgegen [1]. In philosophischer Hinsicht scheint aber besonders der Begriff Weltanschauung in der Bedeutung, die Friedrich Schleiermacher ihm in seinen Vorlesungen über die Pädagogik (1813) beilegt, zentral zu sein. Auch für Schleiermacher spielt der integrative Aspekt die tragende Rolle. Nach ihm besteht Weltanschauung in der „Totalität aller Eindrücke zu einem vollständigen Ganzen des Bewusstseins“, und zwar bis auf den höchsten Punkt gesteigert“; sie speist sich aus der erforschenden Beschäftigung mit der Natur und der Geschichte, d.h. aus einer umfassenden Wissenschaft von Natur und Kultur. Von der ersten Wahrnehmung der Phänomene bis zur ausgeprägten Weltanschauung konstatiert Schleiermacher einen „Entwicklungsgang“, während dessen „ein zusammenhängendes Ganzes“ kontinuierlich aufgebaut und zugleich aufrechterhalten wird. Die Voraussetzung hierfür sei aber „die höchste Selbsttätigkeit des menschlichen Geistes“ [2].

 

Diese kurze begriffliche Betrachtung mag sicherlich, und zu Recht, als sehr ausbauwürdig empfunden werden. Dennoch vermag sie bereits jetzt sehr gut zu verdeutlichen, in welchem Maße früher die bzw. eine Weltanschauung als Ausdruck des eigentlichen Menschseins empfunden wurde. Mit meiner individuellen Weltanschauung setze ich mich als Mensch zur sozialen Gesamtheit der anderen Menschen ins Verhältnis. Indem ich die Welt anschaue und mich in dieser Anschauung zur ihr ins Verhältnis setze, so bin ich erst wahrhaft Mensch. Und indem ich so, meine Weltanschauung beständig ausbildend, kontinuierlich an mir arbeite, bilde ich mich selbst als Mensch. – In diesem Sinne mag deutlich werden, in welch innigem Verhältnis Bildung und Weltanschauung stehen. Wollte man sich als gebildet, ja als Mensch verstehen, so gehörte es sozusagen zum guten Ton, eine Weltanschauung zu pflegen und zu vertreten [3].


Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert gilt es heute als verpönt, eine Weltanschauung für sich in Anspruch zu nehmen. Die Verwendung des Begriffs im Nationalsozialismus, der selbst nicht als Ideologie, sondern gerade als Weltanschauung propagiert worden sei [4], setzt diesen ebenso wie andere – allen voran sei hier das im Deutschen unaussprechlich gewordene Wort Führer genannt – in einen solchen Misskredit, dass er in der Zeit nach 1945 im wissenschaftlichen Diskurs keine Verwendung mehr fand. Auf Näheres, wie z.B. auf den Ursprung der Begriffskritik ausgehend von Martin Heideggers Vortrag Die Zeit des Weltbildes (1938) einzugehen, ist hier weder möglich noch nötig. Interessant zu sehen ist indes zweierlei. Erstens tritt das Verschwinden von Weltanschauung als Begriff nach 1945 zu Gunsten der Erarbeitung von Kommunikationstheorien ein; Kommunikations-situationen, Interaktionen und deren Bedingungen beinhalten per se in sich die Perspektiven weltanschaulicher Art aller beteiligten Parteien. Die früher unumgängliche Tatsache von individuellen oder zumindest einzelnen Weltanschauungen geht seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die wissenschaftliche Betrachtung in der – These: ebenso unumgänglichen – Dialogfähigkeit in sozialen Kontexten auf. Gleichermaßen interessant erscheint es zweitens, dass es gerade die Jurisprudenz ist, in welcher von Weltanschauung noch die Rede ist. Im Grundgesetz wird sie bezüglich der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit in Artikel 4, Absatz 1 in einem Munde mit der Religion genannt und mit dieser als gleichwertig behandelt [5]. Obgleich also die Rede von Weltanschauung im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr existiert, sondern der Fokus auf die soziale Dimension in der Kommunikation gerichtet wird, wird ihr in der Rechtsprechung im Bezug auf den einzelnen Bürger dennoch eine Bedeutung, Existenz und Realität zugesprochen. Was ist der Hintergrund? Betrachtet man die Entstehungsbedingungen des Grundgesetzes 1949, seinen Beginn und die ersten Artikel in ihrem Gesamtduktus, so liegt der Grund offensichtlich darin, dass nach der Erfahrung im nationalsozialistischen Unrechtsstaat die Weltanschauung weiterhin eine unhinterfragte Realität für alle Bürger besitzt und besitzen muss, und die Gesetzgebung daher ihre Freiheit unbedingt zu gewährleisten hatte bzw. hat. Doch was bedeuteten Realität und Freiheit der Weltanschauung für den sozialen Umgang miteinander?

 

 

 Die Realität der Weltanschauung und die Frage nach einem freilassenden Umgang im Unterrichten

 

Wie zeigt sich die Realität unsrer Weltanschauungen? Obwohl auch heute noch im Grunde jeder eine Weltanschauung hat, so bleibt diese in den allermeisten Fällen doch zunächst unausgesprochen. Unausgesprochen bedeutet aber weder, dass sie sich nicht durch unsere Worte und Taten ausspräche, noch dass sie in der sozialen Begegnung unwirksam wäre. Unsere Weltanschauungen bedingen bewusst oder unbewusst Sympathie oder Antipathie dem anderen gegenüber. In Wahrnehmung und Beurteilung voneinander sowie im Umgang miteinander leben immer unsere eigenen Annahmen, Erwartungen, Wünsche etc., von denen wir ausgehen, auch wenn sie sich hinter bewusster und vermeintlicher Gleichgültigkeit bezüglich der Weltanschauung der anderen gegenüber verbergen. Dies spielt natürlich im alltäglichen Leben, in allen Beziehungen generell eine Rolle. Die Frage hier beschränkt sich jedoch auf Unterrichtssituationen, in denen die Weltanschauungsproblematik besonders prominent auftritt. Gerade bei jüngeren Unterrichteten, Schülern oder Unterrichtsteilnehmern im Jugendalter, sind durch eine Abwehrreaktion die Motivation und der Lernerfolg besonders schnell betroffen. Aber eigentlich ist, wenn unausgesprochene Überzeugsanliegen bestehen, bei allen Menschen eine Abwehr und Abwendung zu bemerken. Wie kann man also als Unterrichtender mit dem Phänomen, dass wir Weltanschauungen haben und beständig ausbilden, angemessen umgehen? Offensichtlich sollte auch im Unterrichten eine gewisse Freiheit von der Weltanschauung umgesetzt und als Haltung gepflegt werden. Wie kann dies gestaltet werden?

 

 

 Bildung und Weltanschauung im engeren Sinn – Religion und Spiritualität an Schulen?

 

Die Frage nach einem weltanschauungsfreien Unterricht spitzt sich besonders zu, wenn Weltanschauungen im engeren Sinn einer religiösen Haltung den Unterrichteten vermittelt werden sollen. Doch auch wo das ausgesprochen nicht der Fall ist, so stellt sich die Frage gleichermaßen, wenn religiöse oder allgemein spirituelle Haltungen vorliegen. Vor allem gilt dies für Bereiche, wo wie eingangs gesagt sogenannte „esoterische Inhalte“ eine dezidierte Rolle spielen, sei es beim einzelnen oder in der Arbeitsgemeinschaft allgemein, sei es im Methodisch-Didaktischen im Speziellen. Ein in der Öffentlichkeit zentraler und in dieser Hinsicht in der Vergangenheit bereits öfter diskutierter Bereich ist die Waldorfschule. In ihrem Arbeitsfeld steht, v.a. in methodisch-didaktischer Hinsicht, die von Rudolf Steiner (1861-1925) gegründete Anthroposophie oder anthroposophische Geisteswissenschaft, d.h. anders gewendet: die anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Weltanschauung.

 

Auf die Gründer-Person des Goetheforschers, Philosophen, Geisteswissenschaftlers, Reform-pädagogen und Lebensreformers Rudolf Steiner und die Kernaussagen seiner Anthroposophie kann in diesem Rahmen nicht näher eingegangen werden. Vor dem Hintergrund ihrer in der Öffentlichkeit stehenden Anwendung im lebenspraktischen Bereich der Waldorfschule stellen sich aber folgende konkrete Fragen.

 

Wie erreicht man mit Inhalten, die von herkömmlich religiöser Seite aus als „esoterisch“ beurteilt werden, im Unterrichten eine neutrale und doch ansprechende, lernnfördernde Haltung den Schülern gegenüber? Wie verhält sich dies insbesondere im christlichen Religionsunterricht, wo der Lehrer dezidiert als Pfleger einer „Weltanschauung“, zu arbeiten angehalten ist? Mit anderen Worten, wie lässt sich im Verein mit einer zugrunde liegenden, im Allgemeinen auch methodisch angewandten sogenannten „Weltanschauung“ ein weltanschauungsfreier Unterricht so gestalten, d.h. dass diese nicht aufgegeben wird, sondern erstens gewahrt bleibt und darüber hinaus auch noch positiv wirkt ?

 

Was bedeutet ein weltanschauungsfreies Unterrichten letztlich für das Erziehungsziel?

 

Was bedeutet es für das Verhältnis zu Kollegen und Eltern?

 

Welche Rolle spielt der Bezug zu Rudolf Steiner als geistige Gründer-Person?

 

Welche Bedeutung nimmt die Gemeinsamkeit in einer Weltanschauung bzw. die Gemeinschaft derselben ein?

 

 

 

Zur Gestaltung eines weltanschauungsfreien Unterrichts – Ansatz und Aspekte aus der Sicht von Heinz Grill – ein Interview


Um unsere Fehler zu sehen, bedürfen wir in der Regel, insofern wir nicht in der Lage sind, selbst die Außenperspektive einzunehmen, des Blickes der anderen, von außen. Wie würde eine Antwort auf die eben gestellten Fragen aussehen, die in einiger Hinsicht von außerhalb des Arbeitsfeldes der Waldorfschulen und der Anthroposophie, aber aus einer gleichermaßen zugrunde liegenden spirituellen Anschauung der Welt und des Menschen heraus gegeben werden kann? Hier lag es nahe, eine Persönlichkeit zu befragen, die sich in einem, aus der Perspektive der „traditionellen“ anthroposophischen Anwendungsfelder zunächst grundlegend fremd zu bezeichnenden Bereich beheimatet.

 

Heinz Grill (geb. 1960) ist seit jungen Jahren Bergsteiger und im ersten Beruf Heilpraktiker, hat dann aber vor allem den orientalischen Yoga grundlegend neu ergriffen und für den abendländisch-modernen Menschen als physisch-geistiges Betätigungsfeld, das die verbreitete, rein körperliche, auf Wellness und Well-Being ausgerichtete Ebene außer Acht lässt und im Praktizieren eine sowohl seelische als auch geistige Dimension erlebbar macht, zeitgemäß erschlossen. Darüber hinaus ist er als Geistesforscher, Autor, Gestaltungskünstler sowie als spiritueller Lehrer, Berater und Dozent tätig.

 

Für diesen Rahmen war insbesondere von Relevanz, dass Heinz Grill selbst eine Gründer-Persönlichkeit ist. Mit der Tat, eine individuelle geistige Anschauung universell nachvollziehbar und mit lebenspraktischer Anwendbarkeit, u.a. im Yoga, in die Welt zu bringen, verfügt er über eine genuine Erfahrung, mit der er auf unsere Fragen authentisch einzugehen vermag. Zu dem heute zeitgemäßen, freilassenden Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler vor dem Hintergrund einer zugrundeliegenden geistigen Anschauung hat er sich bereits in seinem als Veröffentlichung vorliegenden Vortrag Das Lehrer-Schüler-Verhältnis innerhalb der seelisch-geistigen Entwicklung (2012) grundlegend geäußert [6]. Auch in seiner Schrift Die Heilkraft der Seele (2015) kommt zur Sprache, wie ein freilassender, dezidiert nicht missionarischer und letzten Endes sogar für alle Beteiligten heilsamer Umgang mit einer wahrhaftigen, sogenannten „esoterischen“ Weltanschauung bzw. solchen Inhalten gepflegt werden kann [7]. So lag es nahe, Heinz Grill einmal im Gespräch persönlich zu begegnen und ihn zu dem Themenkomplex der Weltanschauungsfreiheit im Unterricht zu befragen.

 

Wir danken herzlich für das Gespräch.

 

 



Anmerkungen

 

[1]  S. Art. „Weltanschauung“ bei Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauung#cite_ref-9, abgerufen am 09.03.2019.

[2]

Es ist die Weltanschauung eines jeden, worin die Totalität aller Eindrücke zu einem vollständigen Ganzen des Bewusstseins bis auf den höchsten Punkt gesteigert, mit eingeschlossen die Totalität der menschlichen Zustände, ohne welche doch die Weltanschauung nicht sein würde, gedacht wird. […] Die Weltanschauung ist das Resultat der spekulativen Naturwissenschaft und der wissenschaftlichen Betrachtung der Geschichte, sie setzt die höchste Selbsttätigkeit des menschlichen Geistes voraus. Aber es ist doch in dem Entwicklungsgang vom ersten Anfangspunkt, auf dem die Sinne uns ein einzelnes darbeiten, bis zu diesem Punkt, wo die Weltanschauung sich herausgebildet hat, ein zusammenhängendes Ganze(s).

 

– S. Art. „Weltanschauung“, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer, Hamburg 2013, 724.

[3]  Dafür spricht gerade auch die Kritik, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Folge eines ausgeweiteten, dem Inhalt nach verflachten und fragwürdig gewordenen Begriffsgebrauches geäußert wurde; so z.B. bei Jacob Burckhardt: "Vor Zeiten war ein jeder ein Esel auf seine Faust und ließ die Welt in Frieden; jetzt dagegen hält man sich für 'gebildet', flickt eine 'Weltanschauung' zusammen und predigt auf die Nebenmenschen los" (Jacob Burckhardt an Gottfried Kinkel (26. April 1844) in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 19 (1921), 276, zitiert nach Grimm: Dt. Wörterbuch, Bd. 28, Sp. 1530); – oder bei Fritz Mauthner: "Von allen diesen Worten ist gegenwärtig keines so im Schwange wie: Weltanschauung. Der müsste schon ein ganz armseliger Tropf sein, wer heutzutage nicht seine eigene Weltanschauung hätte" (Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. III, München 1910/ Leipzig 1923, 430; zitiert nach: Geschichte der Philosophie. Darstellungen, Handbücher, Lexika, hrsg. von M. Bertram, Berlin 1998, Digitale Bibliothek, Bd. 3).


[4]  S. Art. „Weltanschauung“ bei Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauung#cite_ref-9, abgerufen am 09.03.2019.

[5]  GG Art. 4, Abs. 1: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

http://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html#BJNR000010949BJNG000100314,
abgerufen am 10.03.2019.   

[6] Grill, Heinz: Das Lehrer-Schüler-Verhältnis innerhalb der seelisch-geistigen Entwicklung. Eine neue Yogaempfindung und der christlich-geistige Impuls, Vaihingen/Enz 2012.

[7]   Grill, Heinz: Die Heilkraft der Seele. Der Lichtäther und der Lichtseelenprozess, Sigmaringen 2015.

 

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